Bericht über: Künstler
| Künstler | |
| Wolfgang Bodien | |
| Website: | www.kunst-im-bypass.de |






So wird Schach fühlbar

Stand: August 2026
Manchmal beginnt eine Idee dort, wo andere nicht einmal hinschauen können.
Das zeigt sich zum Beispiel bei einem Schachspiel, das der Falkenseer Künstler Wolfgang Bodien so gestaltet hat, dass es von blinden und sehbehinderten Menschen gespielt werden kann.
„Ich wollte, dass man das Spiel wirklich fühlen kann“, berichtet er über seine Idee. Die Lösung liegt in den Details: So tragen die schwarzen Figuren etwa eine kleine Spitze am Kopf, damit sie eindeutig ertastet werden können. Die schwarzen Felder sind leicht erhöht. Dadurch entsteht ein Spiel, das körperlich gelesen wird, eine stille Verschiebung der Wahrnehmung, vom Auge in die Hand.
Kunst im Bypass
Wolfgang Bodien ist 75 Jahre alt, begann sein Berufsleben als Schlosser, wurde später Ingenieur und war viele Jahre selbstständig.
Die Kunst begleitet ihn dabei seit 1972, nicht als Hauptweg, sondern parallel zum Beruf, als zweite Spur, die immer da war und sich über die Zeit verdichtete. Der Name „Kunst im Bypass“, unter dem er heute künstlerisch agiert, steht sinnbildlich für diesen Weg. „Das ist nichts Geradliniges gewesen, eher etwas, das zusätzlich gewachsen ist“, blickt er zurück.
Material als Ausgangspunkt
Im Zentrum seines Schaffens steht der Werkstoff selbst. Aus Fundstücken kreiert Wolfgang Bodien Materialcollagen und Schrottplastiken.
„Ich sehe oft schon im Ausgangsstoff, was daraus werden könnte“, erzählt er. Hierbei ergibt sich eine sichtbare Verlagerung von Bedeutung. Das Material bleibt erkennbar und stellt gleichzeitig etwas Neues dar.
Gerade in seinen Collagen zeigt sich diese Arbeitsweise in verdichteter Form. Unterschiedliche Rohstoffe und Fragmente treffen aufeinander. Papier und Karton, Metall und Holz, Draht, Stoffreste, Verpackungen oder gefundene industrielle Elemente: Sie werden geschnitten, gerissen, geklebt und geschichtet, bis sich schlussendlich ein Bildraum herausbildet, der weniger komponiert als gewachsen wirkt.
Diese Arbeiten folgen keiner glatten Ordnung. Statt einer geschlossenen Oberfläche treten Schichtungen, Brüche und Überlagerungen hervor. Einzelne Elemente bleiben lesbar, verlieren jedoch ihre ursprüngliche Funktion und fügen sich zu neuen Beziehungen zusammen.
Bahnhof in der Prignitz
Ein wichtiger Ort seiner Arbeit war ein alter Bahnhof in der Prignitz. Dort hatte er sich während seiner Selbstständigkeit ein Atelier eingerichtet. „Das Gebäude hatte ich im Rahmen einer Auktion ersteigert. Das war ein Glücksfall“, erinnert er sich. Über viele Jahre hinweg wurde dieses Bauwerk zum Zentrum seines Arbeitens, geprägt von Industriegeschichte und Eigenbaucharakter.
Leben in Falkensee
Seit 1995 lebt der Künstler mit seiner Frau Adelheid Opper-Bodien in Falkensee. Im oberen Stockwerk ihres Hauses befindet sich sein Atelier. Um das Haus herum hat seine Frau eine Oase geschaffen, die sich über die Jahre zu einem dichten, lebendigen Blütenmeer entwickelt hat.
„Der Garten macht eigentlich so ein bisschen sein eigenes Programm“, meint die 74-Jährige schmunzelnd und deutet auf die üppig blühenden Margeriten. Einmal im Jahr lädt sie im Rahmen der „Offenen Gärten“ Besucher ein, diesen besonderen Ort zu entdecken, ein eigener Kosmos aus Pflanzen, Pflege und Wachstum, der einen ruhigen Gegenpol zur nach ihrer Meinung „chaotischen“ Werkstatt ihres Mannes bildet. Bei dieser Gelegenheit lässt sich zudem das Konzert der vielen Frösche vernehmen, die sich auf dem naturnahen Grundstück unüberhörbar tummeln.
Neue Werkzeuge
Seit etwa zwei Jahren arbeitet Wolfgang Bodien zusätzlich mit einem 3D-Drucker. Daraus entstehen kleine Objekte, etwa Schlüsselanhänger, mit eigenem Charakter. Dazu gehört der Falkenseer Falke, der spielerisch den Hut des Bürgermeisters trägt und so ein lokales Motiv humorvoll aufgreift. „Das ist ein bisschen Spaß an der Sache“, lächelt er.
Als Gegensatz zur digitalen, filigranen Arbeit mit dem 3D-Drucker formt er mit der groben Kettensäge Holzfiguren direkt aus dem Material heraus, ohne Umweg.
Lesen und unterwegs sein
Wenn er nicht gerade in seinem Atelier herumwerkelt, liest Wolfgang Bodien sehr gerne Krimis, Biografien oder Science-Fiction-Romane. Oft ist das Ehepaar außerdem mit dem E-Bike unterwegs, meist auf längeren Touren durch Landschaften, die sich jedes Mal neu zeigen. „Da kommen die besten Ideen ganz nebenbei“, schildert er.
Technik und Freiheit
Sein Werk gründet auf einem Zusammenspiel von Technik, Handwerk und künstlerischem Experiment. Es denkt nicht in festen Kategorien, sondern bewegt sich in Übergängen.
Am Ende bleibt kein abgeschlossenes System zurück, eher ein offener Raum voller Möglichkeiten. Dinge, die aussortiert schienen, beginnen, wieder zu reagieren, Holz wird Figur, Material wird Idee und aus dem Nebenbei kristallisiert sich etwas heraus, das Gewicht bekommt. Genau dort setzt seine Arbeit immer wieder neu an.